Wenn man an fehlende Teilhabe von Alleinerziehenden denkt, denkt man oft erstmal an fehlende finanzielle Mittel.
Tatsächlich ist das gar nicht mehr so sehr mein Problem - aber was bringen mir die finanziellen Mittel, wenn ich gar nicht die Möglichkeit habe, mal „raus“ zu kommen?

Früher hatte ich ein recht ausgeprägtes Sozialleben - ich hatte viele Freunde, auch einige sehr gute, ging häufig abends aus, ging öfter mal zu Konzerten.
Früher – das war bis vor 11 Jahren.

Im Zuge der Trennung von meinem ersten Mann 2012 brach schlagartig ein Großteil davon weg. Da nahezu niemand wusste, wie sehr ich gegen Ende unter der Beziehung litt und was eigentlich los war, kam die Trennung für alle überraschend - die meisten wandten sich ab, für viele war ich „die Böse“. Dass ich damals dann 300km weg zog, unterstützte natürlich, dass viele soziale Beziehungen dann im Sand verliefen.

Als ich dann in Oberbayern mitten im Wald wohnte, auf dem Gelände der Bildungsstätte, für die ich arbeitete, war die Arbeit für mich alles - auch mein Sozialleben und mein Abendprogramm. Doch all das brach schlagartig weg, als mein Mutterschutz mit dem Großkind begann - bis dahin waren Arbeit und Wohnsitz auch schon eine Weile getrennt.
Von da an saß ich zu Hause fest, mitten in der oberbayerischen Provinz.

Mit dem Umzug nach Leipzig begann ich wieder wirklich zu leben. Großstadt, ostdeutsche Mentalität, ein ganz anderes Lebensgefühl.
Leipzig ist die Heimatstadt des Kindervaters - er wurde hier geboren, seine Familie lebt hier und auch einige alte Freunde. Als wir herzogen, lebten auch ein paar alte Bekannte von mir hier.
So lange ich mit dem Kindervater zusammen war, waren seine alten Freunde teilweise dann auch gemeinsame Freunde. Und auch meine eigenen Freunde und Bekannten konnte ich meist problemlos treffen - hatte ich ja einen Partner, der abends mal auf die Kinder aufpassen konnte.

Seit rund vier Jahren bin ich nun Alleinerziehend. Die Kinder sind die meiste Zeit bei mir, die kinderfreie Zeit wurde nach und nach weniger.
Die zwischenzeitlich gemeinsamen Freunde sind nun natürlich wieder seine Freunde, ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen - was für mich okay, ja eigentlich total normal ist.
Meine alten Bekannten sind inzwischen größtenteils wieder aus Leipzig weggezogen. Auch die meisten zwischenzeitlich aufkeimenden Freundschaften verliefen über kurz oder lang im Sand - hat doch jeder bereits sein eigenes, volles Leben.

Dass die Kinder die meiste Zeit bei mir sind, heißt auch, dass ich natürlich nahezu mein komplettes Leben nach den Kindern ausrichte. Arbeiten kann ich nur in bestimmten Zeitfenstern. Die Nachmittage sind mit Mamataxi-Fahrten zu Therapien und Hobbys blockiert. Und Abends bin ich zwangsläufig zu Hause.

Alle 14 Tage habe ich am Wochenende kinderfrei - was aber nicht automatisch bedeutet, dass ich das ganze Wochenende Zeit für mich habe.
Freitag Abend bin ich meist einfach nur erschöpft. Wenn die Kinder dann 17.00 Uhr das Haus verlassen, kann ich mich im Bestfall noch aufraffen, ein bisschen was im Haushalt zu machen. Aber im Großen und Ganzen steht dann nur noch Beine hoch und Ruhe auf dem Programm.
Samstag ist dann erstmal Ausschlafen angesagt - zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis hat da meist der Biorhythmus etwas dagegen. Meist ist die To-Do-Liste lang, denn unter der Woche bleibt Einiges liegen. Abends, wenn die Kinder endlich schlafen, noch Wäsche zusammen zu legen oder Ähnliches, ist Etwas, wozu ich mich in letzter Zeit leider eher selten aufraffen kann - also muss es am Wochenende passieren. Ebenso wie der ganze Papierkram, Anträge, Korrespondenz, etc. - allein mit drei Kindern, davon zwei mit Pflegegrad, gibt es davon so einiges. Natürlich kann ich all das dann in Ruhe, ungestört und mit Pausen machen. Aber dennoch verbringe ich das Wochenende zu großen Teilen mit Care-Arbeit - auch wenn die Kinder gar nicht bei mir sind. Oft ist der Samstag dann auch schnell vorbei.
Sonntag ist nach einem langsamen, ruhigen Start auch nicht mehr allzu viel möglich – um 14 Uhr kommen meine Kinder zurück und es beginnt die direkte Care-Arbeit am Kind.

Nüchtern und sachlich betrachtet ist es also gar nicht so schlimm, dass mein Sozialleben sich verflüchtigt hat - hätte ich dafür doch ohnehin weder Zeit noch Energie.
Auf der emotionalen Ebene ist es dennoch manchmal schwer. Und damit meine ich wirklich manchmal! Im Großen und Ganzen bin ich absolut fein damit.
Na, such dir doch einfach neue Freunde“ könnte man da meinen. Ja, als ob das so einfach ist. Zum einen hat ja jeder sein eigenes volles Leben - und das meist ja inklusive bereits vorhandener Freunde. Und zum anderen kostet auch das sehr viel Energie.

Auch die Teilnahme an Konzerten oder anderen kulturellen Veranstaltungen ist wenn überhaupt nur durch Zufall möglich - dass eine Veranstaltung, die mich interessiert, an einem kinderfreien Samstag stattfindet, ist doch leider sehr, sehr unwahrscheinlich.
Über Hobbys außerhalb der eigenen vier Wände brauche ich gar nicht erst nachdenken.



Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie viele Alleinerziehende da draußen allein und sozial isoliert leben, weil sie einfach an zu Hause gebunden sind – und das, obwohl gerade sie Freunde, mentale Unterstützung und Rückhalt bräuchten.
Auch wenn das, was wir Alleinerziehende täglich leisten, von außen so aussieht, als wären wir unglaublich stark und würden super allein zurecht kommen – ja, wir haben gelernt, damit umzugehen, allein zurecht kommen zu müssen, aber auch wir wünschen uns manchmal jemanden, der auch mal für uns da ist.


Ende September 2023